Der Fuß

Jochen Duchow

Zum Verständnis des Fußes ist eine Wiederholung der Anatomie erforderlich: Fußskelett, Unterteilung in Vorfuß - Mittelfuß - Rückfuß, oberes Sprunggelenk (OSG) und unteres Sprunggelenk (USG), Chopart-Gelenk, Lisfranc-Gelenk. Längsgewölbe/Quergewölbe. Welche Sehnen inserieren am Rückfuß? Wie ist ihre Funktion? Wie wirken die Muskeln auf das obere und untere Sprunggelenk?

Bei der Beurteilung, ob ein Befund als krankhaft (pathologisch) zu werten ist, gilt es neben der Form insbesondere die Funktion zu beurteilen. Die Form des gesunden Fußes ist an seine Funktion angepasst. Ein nicht “normal” geformter Fuß kann trotzdem seine Funktion erfüllen. Die Funktion des Fußes besteht darin, den Kontakt zum Untergrund beim Gehen und Stehen zu gewährleisten. Gerade beim kranken Fuß steht vor der Wiederherstellung einer normalen Form die Wiederherstellung oder Ermöglichung einer suffizienten Funktion!

Zum besseren Verständnis lassen sich die Erkrankungen des Fußes entsprechend ihres Auftretens grob unterteilen in:

1. Erkrankungen die den neugeborenen und kleinkindlichen Fuß in seiner Form betreffen (Hackenfuß, Sichelfuß, Klumpfuß, Plattfuß, Hohlfuß)

2. Erkrankungen die erst im Laufe des Lebens auftreten (M. Köhler 1 und 2, Hallux valgus, Hallux rigidus, Krallenzehen, Hammerzehen).


Anatomische und klinische Bilder

Fall 1: Fußkelett von der Fußsohle aus betrachtet (links), Fußabdruck (Mitte) und Ausdruck einer Druckmessung mit einer Druckmessplatte (Pedobarographie; rechts). Dargestellt ist ein normaler Befund mit typischer Aussparung des medialen Fußrandes im Abdruck bei intaktem Längsgewölbe und Hauptbelastung der Fußsohle an der Ferse und dem Großzehenballen, erkennbar an den hier auftretenden hohen Druckwerten (rot = hoher Druck; blau= geringer Druck).




Fall 2: Gangzyklus: Die Funktion des Fußes beim Gehen ergibt sich aus den Gangphasen: Der Erstkontakt mit dem Boden findet an der Ferse statt (1). Abstützung und Sicherung in der Standphase (2-3), Beschleunigung in der Abdruckphase (4-5). In der Schwungphase wird der Fuß nach vorne geführt, das aktive Heben des Fusses ist dafür Vorraussetzung.




Fall 3: Was sind “normale” Füsse? Dieses Bild zeigt einen Jungen (links) mit Plattfüssen. Sein Vater (Mitte) hat ebenfalls Plattfüsse, aber keine Beschwerden oder funktionelle Einschränkungen. Gerade bei Kindern muss der Entscheid über eine Behandlungsbedürftigkeit die grosse Bandbreite der möglichen Fußformen berücksichtigen.




Fall 4: Hackenfuß: diese Fehlform des Fußes betrifft das Neugeborene. Der Fußrücken liegt dem Unterschenkel häufig an, der Fuß läßt sich nicht in eine normale, plantigrade Stellung (d.h. rechter Winkel zwischen Fuß und Unterschenkel) bringen. Die Prognose ist günstig, unter manueller Redression durch die Eltern kommt es in aller Regel zu einer raschen, vollständigen Rückbildung. Nur selten ist eine Behandlung durch Gipsschienen erforderlich, operative Eingriffe nie!.




Fall 5: Sichelfuß: diese Fehlform betrifft das Neugeborene. Der Vorfuß steht adduziert gegenüber dem Rückfuß. Diese Fehlstellung läßt sich meist redressieren und ist beim Sichelfuß nicht mit anderen Fehlstellungen oder Formveränderungen vergesellschaftet. Die meisten Sichelfüsse korrigieren sich spontan, nur selten muß bei rigiden Sichelfüssen eine Gipsbehandlung erfolgen oder im Grundschulalter operiert werden. Auf der Abbildung ist der rechte Fuß normal, der linke ist ein Sichelfuß.




Fall 6: Klumpfuß: auch diese Fehlform betrifft das Neugeborene. Im Gegensatz zum Hacken- und Sichelfuß handelt es sich hier um eine fixierte Fußfehlform die einer aufwendigen und konsequenten Behandlung bedarf. Der Klumpfuß betrifft den Rück- und Vorfuß. Die Ätiologie ist nach wie vor ungeklärt. Die Behandlung mit redressierenden Gipsen sollte so rasch als möglich nach der Geburt einsetzen. Meistens läßt sich die Fehlform des Vorfußes hierdurch ausreichend korrigieren, die Spitzfußkomponente (Hochstand des Fersenbeines) demgegenüber häufig nicht, sodaß dann im Alter von ca. 6 Monaten eine operative Behandlung erfolgen muß (Verlängerung der Achillessehne). Die Abbildung zeigt die Klumpfüsse eines Neugborenen in der spontanen Stellung sowie mit angelegten Therapiegipsen. Diese müssen in den ersten Lebenswochen oft mehrfach wöchentlich gewechselt werden.




Fall 7: Plattfuß: der seltene, angeborene Plattfuß (Talus verticalis) ist eine schwere Fehlform, die mit generalisierten Fehlbildungen oder Erkrankungen auftritt (z.B. Arthrogrypose). Er bedarf in der Regel einer operativen Behandlung. Die meisten Plattfüsse treten demgegenüber erst nach Laufbeginn auf, und sind zum überwiegenden Teil als normales Entwicklungstadium des kindlichen Fußes anzusehen. Wichtig ist es, den flexiblen vom fixierten Plattfuß zu unterscheiden: beim flexiblen Plattfuß bildet sich das Längsgewölbe im Zehenspitzenstand aus oder der Untersucher kann ein Längsgewölbe durch Fingerdruch erzeugen. Nur selten, und nur beim fixierten Plattfuß mit Beschwerden, kommt eine operative Behandlung in Betracht. Der flexible Plattfuß bedarf fast nie einer Behandlung, Einlagen können die Fußform nach heutigem Kenntnisstand nicht “verbessern”.




Fall 8: Hohlfuß: diese Fußfehlform entwickelt sich meist erst mit zunehmendem Lebensalter. Häufig sind neurologische Erkrankungen (z.B. M. Charcot-Marie-Tooth) die ein Ungleichgewicht der Muskulatur bedingen, die zugrundeliegende Ursache. Sie müssen durch eine neurologische Konsiliaruntersuchung ausgeschlossen werden. Druckstellen an der Sohle (Ballen) und an den Zehen (streckseitig) werden wenn möglich durch Weichbettung mit Einlagen und Orthopädischem Schuhwerk behandelt. Wenn dieses nicht ausreicht, wird durch knöcherne Korrektureingriffe die Fehlstellung des Fußes soweit möglich beseitigt.




Fall 9: Spreizfuß mit Hallux valgus/Krallenzehen/Hammerzehen: beim Spreizfuß werden durch die Verbreiterung des Vorfußes die zu den Zehen ziehenden Sehen verlagert, wodurch sie in zunehmendem Masse zur Fehlstellung in den Zehengelenken beitragen. Zu Beschwerden kommt es durch Druck im Schuhwerk am Fußinnenrand (Pseudoexostose = vorstehendes Caput des Metatarsale1) sowie an den Zehen. Die Druckbeschwerden unter den Metatarsaleköpfchen nennt man Metatarsalgie. Meist behandeln sich die Patienten durch Anpassen des Schuhwerkes selbst. Zusätzlich können Einlagen das eingesunkene Gewölbe stützen und die Metatarsaleköpfchen entlasten. Operative Eingriffe zielen darauf den Vorfuß zu verschmälern und die Fehlstellungen in den Zehengelenken zu korrigieren.

Das Bild unten zeigt die ausgeprägte Fehlstellung im Großzehengrundgelenk mit Abweichung der Zehe nach lateral (>Hallux valgus) sowie die Druckstellen über den proximalen Gelenken der Zehen 2 und 4.